Kann man sich in einen Avatar verlieben?

Kann man sich in einen Avatar verlieben?

Oder anders gefragt: Kann ein hübsches Mesh-Gesicht wirklich Schmetterlinge im Bauch auslösen – obwohl der Mensch dahinter vielleicht gerade mit Jogginghose, Kaffeetasse und zerzausten Haaren vor dem Bildschirm sitzt?

Die ehrliche Antwort lautet: Ja, natürlich kann man sich in einen Avatar verlieben.

Allerdings verliebt man sich meistens nicht nur in die perfekt eingestellten Gesichtszüge, die breiten Schultern oder die beeindruckende Auswahl an virtuellen Haaren. Wobei wir zugeben müssen: Eine gute Frisur kann in Second Life durchaus erste Sympathiepunkte bringen.

Doch hinter jedem Avatar sitzt ein echter Mensch. Und genau dieser Mensch ist es, der uns zum Lachen bringt, uns zuhört und dafür sorgt, dass aus einem kurzen „Hallo“ plötzlich ein Gespräch bis tief in die Nacht wird.

Erst schaut man nur kurz ins Profil …

Es beginnt meistens vollkommen harmlos.

Man steht auf einer Party, hört Musik und beobachtet die Menschen. Plötzlich fällt einem dieser eine Avatar auf. Gut angezogen, interessante Ausstrahlung und vermutlich ungefähr 47 Gruppen im Profil.

Natürlich schaut man nur ganz kurz hinein.

Rein aus Interesse.

Vielleicht auch zu Forschungszwecken.

Dann liest man den Profiltext, schaut sich die Picks an und stellt fest, dass man einige Gemeinsamkeiten hat. Vielleicht mag die Person dieselbe Musik, besucht ähnliche Sims oder schreibt etwas, das einen neugierig macht.

Und bevor man sich versieht, hat man nicht nur das Profil vollständig gelesen, sondern weiß auch, wann die Person gerezzt wurde, welchen Lieblingsclub sie besucht und dass sie offenbar eine starke Abneigung gegen Drama hat.

Was in Second Life übrigens häufig ungefähr so glaubwürdig ist wie der Satz:

„Ich gehe heute wirklich früh schlafen.“

Verliebt man sich in den Avatar oder in den Menschen?

Ein Avatar ist zunächst einmal das sichtbare Bild, das wir von einer Person bekommen.

Er kann elegant, geheimnisvoll, romantisch, verrückt oder äußerst selbstbewusst wirken. Manche Avatare sehen aus, als wären sie gerade einem Hochglanzmagazin entstiegen. Andere sehen aus, als hätten sie sich seit 2009 nicht mehr umgezogen.

Beides kann seinen ganz eigenen Charme haben.

Doch ein schöner Avatar allein reicht meistens nicht aus, damit echte Gefühle entstehen. Schließlich kann auch der perfekteste Mesh-Körper nicht darüber hinwegtäuschen, wenn die Gespräche ungefähr so spannend sind wie das Sortieren eines Inventars mit 300.000 Objekten.

Wirklich interessant wird es, wenn der Mensch dahinter Humor besitzt, aufmerksam ist und sich für uns interessiert.

Man verliebt sich vielleicht zuerst in das Bild auf dem Bildschirm. Bleiben möchte man aber wegen der Persönlichkeit dahinter.

Worte können Nähe schaffen

In Second Life läuft ein großer Teil der Kommunikation über Text.

Wir sehen keine Mimik, hören nicht immer die Stimme und können nicht beobachten, wie jemand auf unsere Worte reagiert. Dadurch bekommen geschriebene Nachrichten eine besonders große Bedeutung.

Ein liebevoller Gruß am Morgen, eine unerwartete Nachricht oder ein lustiger Kommentar können plötzlich sehr viel auslösen.

Man beginnt, auf das kleine Geräusch einer eingehenden Nachricht zu warten.

Man freut sich, wenn der Name der Person online erscheint.

Und selbstverständlich bleibt man dabei vollkommen entspannt.

Man schaut nur zufällig alle drei Minuten nach, ob die Person inzwischen eingeloggt ist.

Das ist keine Ungeduld.

Das ist lediglich eine sehr genaue Anwesenheitskontrolle.

Gemeinsam erlebte Momente fühlen sich echt an

Ein romantischer Tanz am Strand, ein gemeinsamer Ausflug oder ein Gespräch auf dem virtuellen Sofa sind technisch betrachtet nur Pixel, Animationen und Daten.

Die Gefühle, die dabei entstehen, können trotzdem echt sein.

Denn unser Kopf unterscheidet nicht immer danach, ob ein schöner Moment in einem realen Café oder auf einer virtuellen Sim stattfindet. Entscheidend ist, was wir dabei empfinden.

Wenn wir gemeinsam lachen, uns etwas Persönliches erzählen oder füreinander da sind, entsteht Nähe.

Die Umgebung mag virtuell sein.

Die Freude, die Aufregung und manchmal auch der Schmerz sind es nicht.

Second Life macht das Verlieben manchmal leichter

Im realen Leben beurteilen wir Menschen oft sehr schnell.

Wie sieht jemand aus? Wie bewegt sich die Person? Welche Kleidung trägt sie? Passt sie überhaupt in unser gewohntes Beuteschema?

In Second Life lernen wir uns häufig zuerst über Gespräche kennen.

Vielleicht erzählen wir Dinge, über die wir im realen Leben nicht so schnell sprechen würden. Die Entfernung und der Schutz des Avatars können dabei helfen, offener zu sein.

Manchmal verlieben wir uns dadurch in eine Persönlichkeit, der wir im realen Alltag möglicherweise nie begegnet wären.

Das kann wunderschön sein.

Es kann aber auch kompliziert werden.

Denn früher oder später stellt sich die Frage, wie viel man über den Menschen hinter dem Avatar wirklich weiß.

Der kleine Haken mit der Fantasie

Second Life lebt von Fantasie.

Wir können aussehen, wohnen und leben, wie wir möchten. Das macht den besonderen Reiz dieser Welt aus.

Problematisch wird es nur, wenn wir anfangen, fehlende Informationen selbst zu ergänzen.

Aus einem netten Gesprächspartner wird in unseren Gedanken schnell der perfekte Traummensch. Schließlich kennt man bisher hauptsächlich die charmanten Seiten.

Ob die Person morgens schlecht gelaunt ist, ihre Socken überall herumliegen lässt oder seit drei Wochen vergessen hat, den Müll hinauszubringen, kann man in Second Life nur schwer beurteilen.

Der Avatar schnarcht schließlich nicht.

Zumindest nicht ohne passende Animation.

Gefühle sollten deshalb immer auch mit einer gewissen Portion Realität betrachtet werden. Nicht jeder Mensch ist genau so, wie er sich in Second Life zeigt.

Vertrauen braucht Zeit

Wer sich in Second Life verliebt, sollte sich Zeit lassen.

Echte Nähe entsteht nicht dadurch, dass man nach drei gemeinsamen Tänzen bereits ein Partnerprofil ausfüllt, ein gemeinsames Haus kauft und sieben virtuelle Haustiere adoptiert.

Auch wenn genau das natürlich sehr verlockend sein kann.

Vertrauen wächst durch Gespräche, gemeinsame Erfahrungen und Verlässlichkeit.

Bleibt die Person auch dann freundlich, wenn es einmal unterschiedliche Meinungen gibt? Werden Grenzen respektiert? Stimmen Worte und Verhalten miteinander überein?

Diese Dinge sind wichtiger als das schönste virtuelle Geschenk.

Obwohl gegen Blumen, Schmuck oder ein neues Paar Schuhe natürlich ebenfalls nichts einzuwenden ist.

Was passiert, wenn Second Life plötzlich real wird?

Manche Beziehungen bleiben vollständig in Second Life.

Andere entwickeln sich weiter. Man hört die Stimme des anderen, tauscht Bilder aus, telefoniert oder trifft sich irgendwann im realen Leben.

Dafür gibt es kein festes Rezept.

Wichtig ist nur, dass beide Menschen ähnliche Vorstellungen davon haben, was die Beziehung bedeutet.

Für den einen ist es vielleicht eine romantische Geschichte innerhalb von Second Life. Für den anderen ist es bereits eine feste Partnerschaft mit realen Gefühlen.

Werden diese Erwartungen nicht offen ausgesprochen, kann es schnell zu Missverständnissen kommen.

Deshalb ist Ehrlichkeit weniger romantisch als ein Tanz unter dem Sternenhimmel, aber auf Dauer deutlich hilfreicher.

Kann man also einen Avatar lieben?

Man kann sich von einem Avatar angezogen fühlen.

Man kann sich in seine Ausstrahlung, seine Stimme, seine Nachrichten und seine Art verlieben.

Doch lieben kann man letztlich nur den Menschen dahinter.

Der Avatar ist dabei die Bühne, auf der man sich begegnet. Er ist das Bild, durch das Gefühle sichtbar gemacht werden.

Die Liebe selbst entsteht aber nicht zwischen Mesh-Körpern, virtuellen Haaren und perfekten Animationen.

Sie entsteht zwischen zwei Menschen, die sich gefunden haben.

Vielleicht sitzen sie Hunderte Kilometer voneinander entfernt.

Vielleicht wissen sie nicht, wie ihre gemeinsame Geschichte endet.

Aber in dem Moment, in dem beide auf den Bildschirm schauen und sich ehrlich über die Anwesenheit des anderen freuen, ist das Gefühl real.

Fazit

Ja, man kann sich in Second Life verlieben.

Vielleicht beginnt alles mit einem schönen Avatar, einem interessanten Profil oder einem besonders guten Outfit.

Doch irgendwann ist es nicht mehr wichtig, ob der Avatar gerade perfekt gerezzt ist, die Haare fehlen oder der Körper wegen eines Ladefehlers nur aus einer grauen Wolke besteht.

Wenn man sich trotzdem freut, dass die Person da ist, hat es einen vermutlich erwischt.

Dann hilft nur noch, tief durchzuatmen, ehrlich miteinander zu reden und zu hoffen, dass niemand beim romantischen Tanz plötzlich vom Lag aus der Sim geschleudert wird.

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