Mein Inventar und ich – eine Beziehung kurz vor der Trennung
Es gibt Beziehungen, die funktionieren wunderbar. Man versteht sich, ergänzt sich und weiß genau, woran man beim anderen ist. Und dann gibt es mein Inventar und mich.
Wir führen seit Jahren eine komplizierte Beziehung, die vermutlich längst eine Paartherapie nötig hätte. Ich kaufe Dinge, mein Inventar versteckt sie. Ich suche etwas Bestimmtes, mein Inventar tut so, als hätte es davon noch nie gehört. Irgendwann sitzen wir beide da und fragen uns, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
Als mein virtuelles Inventar noch übersichtlich war
Ich erinnere mich tatsächlich noch an die Zeit, in der mein Inventar klein, ordentlich und beinahe niedlich war. Es gab ein paar Kleidungsstücke, einige Frisuren, zwei Paar Schuhe, ein Sofa und ungefähr zwölf Gegenstände, von denen ich schon damals nicht wusste, wofür sie eigentlich gedacht waren.
Damals hatte ich noch richtige Ordner. Sie hießen „Kleidung“, „Haare“, „Möbel“ und „Sonstiges“. Vor allem der Ordner „Sonstiges“ erschien mir zunächst sehr praktisch. Heute weiß ich, dass „Sonstiges“ kein normaler Ordner ist, sondern ein schwarzes Loch. Alles, was dort hineingerät, verschwindet für immer und taucht höchstens dann wieder auf, wenn man es garantiert nicht sucht.

Dann begann das virtuelle Shopping
Natürlich fing alles ganz harmlos an. Ich brauchte nur ein neues Outfit. Wirklich nur eins. Dann fand ich passende Schuhe, eine neue Frisur, Ohrringe, eine Tasche und noch ein kleines Accessoire, das laut Produktbeschreibung absolut unverzichtbar war.
Weil das Outfit in mehreren Farben angeboten wurde, musste ich natürlich gleich das ganze Farbpaket kaufen. Ich trage am Ende zwar meistens dieselbe Farbe, aber darum geht es nicht. Man braucht Auswahl. Es könnte schließlich irgendwann spontan der Tag kommen, an dem man neon-grüne Stiefel mit Glitzer tragen möchte.
Dieser Tag kam bisher nicht. Aber er könnte.
So wuchs mein virtuelles Inventar erst langsam und dann zunehmend besorgniserregend. Irgendwann besaß ich mehr Dinge als Geduld und deutlich mehr Ordner, als ein vernünftiger Mensch jemals brauchen sollte.
„Ich weiß genau, dass ich das irgendwo habe“
Der gefährlichste Satz in der virtuellen Welt lautet für mich: „Ich weiß genau, dass ich das irgendwo habe.“
Natürlich habe ich es. Ich habe eigentlich alles. Ich weiß nur nicht, wo.
Ich suche zum Beispiel ein bestimmtes Kleid und gebe den Produktnamen in die Inventarsuche ein. Keine Ergebnisse. Dann probiere ich eine andere Schreibweise. Wieder nichts. Schließlich suche ich nach dem Hersteller und erhalte 487 Treffer. Darunter befinden sich Haare, Schuhe, Möbel, ein Hund, drei Animationen und mehrere Dinge mit dem Namen „Object“, die ich mich nicht einmal zu öffnen traue.
Nur das Kleid bleibt verschwunden.
Nach einer Weile gebe ich entnervt auf und kaufe es noch einmal. Zwei Tage später finde ich das ursprüngliche Kleid in einem Ordner namens „Neu 2022 – unbedingt sortieren“.
Besonders schön ist das, wenn inzwischen 2026 ist.

Meine Ordner tragen inzwischen ehrliche Namen
Irgendwann habe ich aufgehört, meinen Ordnern vernünftige Bezeichnungen zu geben. Das erzeugte einfach zu viel Druck. Heute heißen sie eher „Neu“, „Ganz neu“, „Noch neuer“, „Später sortieren“, „Wirklich später sortieren“, „Wichtig“, „Sehr wichtig“, „Keine Ahnung“ oder „Nicht löschen“.
Im Ordner „Nicht löschen“ befinden sich übrigens hauptsächlich Dinge, bei denen ich längst vergessen habe, was sie eigentlich sind. Aber genau deshalb kann ich sie nicht löschen. Vielleicht sind sie wichtig. Vielleicht brauche ich sie irgendwann noch. Vielleicht öffne ich sie und mein Avatar hat danach keine Hände mehr.
Man weiß es einfach nicht.
Demos – die stillen Mitbewohner meines Inventars
Ein besonders schwieriges Thema sind Demos. Demos ziehen bei mir ein und gehen nie wieder.
Man probiert ein Kleid an, entscheidet sich dagegen und vergisst die Demo anschließend vollständig. Jahre später sucht man nach etwas völlig anderem und findet plötzlich „Dress Demo“, „Dress Demo 1“, „Dress Demo New“, „Dress Demo Final“ und „Dress Demo Final Neu“.
Natürlich weiß ich längst nicht mehr, wie das Kleid überhaupt aussah. Trotzdem fällt mir das Löschen schwer. Vielleicht gefällt es mir heute besser. Menschen verändern sich schließlich, der Geschmack ebenfalls.
Die Demo vermutlich nicht.

Ungeöffnete Kisten und andere Gefahren
Auch Kisten spielen in meinem Inventar eine wichtige Rolle. Viele Einkäufe waren früher verpackt, und erstaunlich viele davon sind es bis heute. Beim Öffnen bin ich inzwischen vorsichtig geworden, denn man weiß nie, was tatsächlich passiert.
Man möchte nur schnell ein Paket auspacken und plötzlich steht mitten im Wohnzimmer ein kompletter Laden. Mit Wänden, Beleuchtung, Verkaufsschildern und einer Palme. Während man noch versucht zu verstehen, was gerade geschehen ist, trägt der Avatar die Verpackung als Hut und sitzt in einer Pose, die man nie ausgewählt hat.
Deshalb befinden sich in meinem Inventar unzählige ungeöffnete Pakete. Manche davon liegen dort schon seit Jahren. Es könnte alles darin sein: ein Kleid, ein Sofa, ein Haus, eine komplette Landschaft oder einfach nur eine weitere Kiste.
Möbel sind besonders hinterlistig
Bei Kleidung kann man meistens noch ungefähr erkennen, was man gekauft hat. Bei Möbeln wird es deutlich schwieriger. Dort finde ich regelmäßig Gegenstände mit Namen wie „Set 4“, „Set 4 Copy“, „Set 4 Copy 2“, „Object“, „Rez me“, „Touch me“, „Final Version“ oder „FINAL REALLY FINAL“.
Ich würde gerne den Menschen kennenlernen, der ernsthaft geglaubt hat, dass „FINAL REALLY FINAL“ tatsächlich die letzte Version sein würde. Es gibt immer noch eine weitere. Meistens heißt sie dann „FINAL REALLY FINAL FIXED“.
Mein Inventar kennt dabei keinerlei Logik. Dinge, die ich sorgfältig mit Hersteller, Produktname, Farbe und Kategorie benannt habe, finde ich nie wieder. Gegenstände mit dem Namen „New Object“ begegnen mir dagegen ständig.
Ich suche eine Lampe? New Object.
Ein Kleid? New Object.
Eine Animation? Ebenfalls New Object.
Vermutlich heißt die Hälfte meines virtuellen Lebens so. Vielleicht sollte ich meinen Avatar ebenfalls umbenennen. Dann würde man mich wenigstens schneller finden.

Das virtuelle Inventar sortieren – theoretisch ganz einfach
Natürlich könnte ich mein Inventar aufräumen. Theoretisch wäre das überhaupt kein Problem. Ich könnte alte Demos löschen, doppelte Gegenstände entfernen, Ordner sortieren und Kleidungsstücke entsorgen, die ich seit Jahren nicht getragen habe.
Doch sobald ich etwas löschen möchte, entwickelt plötzlich jeder Gegenstand einen emotionalen Wert.
„Das brauche ich wirklich nicht mehr“, denke ich und klicke auf Löschen. Dann erinnere ich mich daran, dass ich es auf einer bestimmten Party getragen habe. Also bleibt es.
Ein Paket liegt seit fünf Jahren ungeöffnet herum? Vielleicht ist es inzwischen wieder modern.
Ich habe vier Kopien desselben Gegenstands? Was ist, wenn die anderen drei irgendwann kaputtgehen?
Auf diese Weise räume ich zwei Stunden lang auf und besitze danach exakt elf Dinge weniger. Davon waren neun Notecards.
„Ich ziehe mich nur kurz um“
Besonders kritisch wird es, wenn ich schnell irgendwohin möchte. Dann sage ich meistens: „Ich ziehe mich nur kurz um.“
Dieser Satz ist eine Lüge. Eine gefährliche Lüge.
Er bedeutet, dass ich 18 Oberteile anprobiere, meine Lieblingshose nicht finde, plötzlich nur noch einen Arm trage und meine Haare halb im Körper stecken. Die Schuhe passen nicht zum Fuß, der Schmuck bleibt unsichtbar und irgendwo zwischen dem dritten und vierten Ordner vergesse ich, wohin ich eigentlich wollte.
Dann schreibe ich: „Bin gleich da.“
Auch das ist nicht wahr, aber inzwischen gesellschaftlich akzeptiert.

Dinge, die niemand braucht und trotzdem bleiben müssen
Mein Inventar enthält außerdem eine erstaunliche Menge an Gegenständen, die ich mit großer Wahrscheinlichkeit niemals benutzen werde. Dazu gehören ein riesiges aufblasbares Einhorn, drei Schneemaschinen, ein sprechender Kürbis, eine Animation, bei der man dramatisch vom Stuhl fällt, und ein Hut mit einem Huhn darauf.
Brauche ich diese Dinge? Nein.
Werde ich sie löschen? Natürlich nicht.
Was ist, wenn plötzlich eine Situation entsteht, in der nur ein Hühnerhut helfen kann? Dann bin ich vorbereitet. Andere Menschen besitzen einen Notfallkoffer. Ich besitze seltsame Inventargegenstände.
Warum ich mich trotzdem nicht trennen kann
Manchmal stehe ich kurz davor, mein gesamtes Inventar zu löschen und neu anzufangen. Ich stelle mir ein minimalistisches virtuelles Leben vor: zehn Outfits, zwei Frisuren, ein Haus, ein Sofa, keine Demos, keine Kisten und keine 700 Ordner mit dem Namen „Neu“.
Dann öffne ich einen alten Ordner und finde etwas, das ich längst vergessen hatte. Ein Geschenk, ein altes Foto, ein Outfit aus einer besonderen Zeit oder einen Gegenstand, der mich an einen Menschen erinnert.
In solchen Momenten merke ich, dass mein Inventar nicht nur aus Chaos besteht. Es enthält Erinnerungen. Gute und schlechte, lustige und traurige. Es zeigt, wo ich gewesen bin, was ich erlebt habe und welche Phasen ich durchgemacht habe.
Manche davon waren modisch sehr fragwürdig. Wirklich sehr fragwürdig. Trotzdem gehören sie zu meiner Geschichte.

Mein Inventar und ich bleiben wohl noch zusammen
Mein Inventar und ich sind also vermutlich noch nicht bereit für eine endgültige Trennung. Wir brauchen Abstand, klare Regeln und vielleicht ungefähr drei Monate Zeit zum Sortieren.
Tief in meinem Herzen weiß ich allerdings schon jetzt, wie es ausgehen wird. Ich werde neue Ordner anlegen, alles ordentlich benennen und mir fest vornehmen, künftig konsequent aufzuräumen.
Noch am selben Abend kaufe ich ein neues Outfit, zwei Möbelsets, vier Frisuren und ein Dekopaket mit 37 Einzelteilen. Alles landet in dem Ordner „Später sortieren“.
Manche Beziehungen sind eben kompliziert. Trotzdem kann man offenbar nicht ohneeinander.
Und falls mich jemand sucht: Ich bin gleich da.
Ich muss nur noch ganz kurz etwas in meinem Inventar finden.

Großartig Pearl. Ich habe bei jedem Satz genickt und Tränen vergossen vor Lachen 😀
Hihihihi,
gut das es mir nicht nur alleine so geht 🙂