Eigentlich sollte „Miteinander“ ein ziemlich einfaches Wort sein. Man redet miteinander, man hört einander zu und wenn etwas nicht passt, dann sagt man es. Zumindest wäre das die einfache Variante. In der Realität sieht es leider oft anders aus. Da wird plötzlich nicht mehr geantwortet, Menschen verschwinden kommentarlos, werden blockiert, gebannt oder einfach aus einer Gemeinschaft entfernt. Nicht selten, ohne überhaupt einmal nachzufragen, was wirklich passiert ist. Ghosting ist inzwischen fast schon normal geworden. Statt zu sagen „Mich hat etwas gestört“ oder „Ich habe das anders verstanden“, wird lieber geschwiegen. Das ist natürlich einfacher, denn ein Gespräch könnte unangenehm werden. Vielleicht müsste man dabei sogar feststellen, dass die eigene Sichtweise nicht die einzige Wahrheit ist.
Wenn Reden plötzlich schwieriger wird als Blockieren
Blockieren ist schnell gemacht. Ein Klick und das Problem ist erst einmal weg. Zumindest glaubt man das. Man muss sich nicht erklären, man muss sich keiner anderen Meinung stellen und man muss auch nicht darüber nachdenken, ob man selbst vielleicht einen Anteil an der Situation hatte. Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Block absolut richtig und notwendig ist. Niemand muss sich beleidigen, bedrängen oder schlecht behandeln lassen. Aber inzwischen wird der Blockieren-Button manchmal auch einfach zum Ersatz für ein normales Gespräch. Ein falscher Satz, eine andere Meinung oder ein Missverständnis reichen aus und schon ist jemand weg. Das eigentliche Problem wurde damit aber nicht geklärt. Es wurde nur aus dem eigenen Sichtfeld geschoben.
Ähnlich ist es mit dem Bannen aus Gruppen oder Gemeinschaften. Wer Verantwortung für eine Gruppe trägt, muss natürlich Grenzen setzen und irgendwann auch Entscheidungen treffen. Trotzdem sollte ein Bann nicht die bequemste Antwort auf jede Meinungsverschiedenheit sein. Hinter einem Avatar, einem Profilnamen oder einem Bildschirm sitzt immer noch ein Mensch. Und dieser Mensch hat vielleicht eine völlig andere Wahrnehmung von dem, was passiert ist. Ein kurzes Gespräch kostet manchmal mehr Nerven als ein Klick auf „Bannen“, kann aber dafür sorgen, dass aus einem Missverständnis nicht gleich ein Kleinkrieg entsteht.
Die Angst, jemand könnte einem etwas wegnehmen
Ein Punkt, den ich immer wieder beobachte, ist diese merkwürdige Angst, jemand könnte einem etwas wegnehmen. Aufmerksamkeit, Freunde, Besucher, Ideen, Anerkennung, Positionen oder manchmal einfach nur das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Sobald jemand etwas Ähnliches macht, mit denselben Menschen Kontakt hat oder vielleicht sogar Erfolg mit einer eigenen Idee hat, werden plötzlich die Alarmglocken angeschaltet. Aus einem normalen Nebeneinander wird Konkurrenz. Aus Konkurrenz wird Misstrauen und aus Misstrauen entsteht irgendwann eine Geschichte, die vielleicht überhaupt nichts mehr mit der Realität zu tun hat.
Dabei nimmt einem nicht automatisch jemand etwas weg, nur weil er seinen eigenen Weg geht. Zwei Menschen können ähnliche Ideen haben. Zwei Orte können ähnliche Angebote machen. Menschen dürfen mehrere Freunde haben, mehrere Gruppen besuchen und sich an verschiedenen Orten wohlfühlen. Man besitzt keine Menschen. Man besitzt auch keine Aufmerksamkeit. Und meistens wird eine Gemeinschaft nicht kleiner, nur weil irgendwo daneben etwas Neues entsteht. Manchmal könnte man sogar voneinander profitieren, wenn man nicht sofort hinter jeder Ecke einen Angriff vermuten würde.
Wir hören oft genau das, was wir hören wollen
Das nächste Problem ist Interpretation. Jeder kennt es. Jemand schreibt einen Satz und zehn Menschen lesen zehn verschiedene Bedeutungen hinein. Der eine sieht eine harmlose Bemerkung, der nächste eine Spitze und der dritte ist überzeugt, dass damit ganz eindeutig er gemeint sein muss. Besonders schriftlich fehlt uns vieles, was ein persönliches Gespräch einfacher macht. Tonfall, Gesichtsausdruck und Gestik gibt es nicht. Trotzdem behandeln wir unsere Interpretation gerne so, als wäre sie eine bewiesene Tatsache.
Noch schwieriger wird es, wenn wir Situationen so auslegen, dass sie perfekt zu unserem eigenen Bild passen. Dann werden aus Vermutungen plötzlich Fakten. Ein Satz wird weitererzählt, aber nur der Teil, der gerade gut in die eigene Geschichte passt. Informationen werden weggelassen, Zusammenhänge verändert und irgendwann weiß kaum noch jemand, was ursprünglich überhaupt passiert ist. Interessanterweise klingt die eigene Version am Ende natürlich meistens so, dass man selbst ziemlich vernünftig dasteht und die andere Seite automatisch der Böse ist.
Vielleicht müsste man sich viel öfter fragen: Weiß ich das wirklich oder glaube ich es nur? Habe ich mit der Person gesprochen oder habe ich meine Informationen von jemand anderem? Habe ich den kompletten Zusammenhang gesehen oder nur einen kleinen Ausschnitt? Und wäre meine Bewertung immer noch dieselbe, wenn mir die betreffende Person sympathisch wäre?
Ghosting ist keine Kommunikation
Ghosting ist für mich eines der merkwürdigsten Phänomene unserer digitalen Zeit. Gestern schreibt man noch miteinander, heute herrscht Funkstille. Keine Erklärung, kein „Ich brauche Abstand“, nicht einmal ein „Ich möchte keinen Kontakt mehr“. Einfach nichts. Der andere darf dann raten, was passiert ist. Vielleicht kommt irgendwann die berühmte Aussage: „Die Person müsste doch wissen, warum.“ Nein. Oft weiß sie es eben nicht.
Menschen können keine Gedanken lesen. Was für den einen offensichtlich ist, hat der andere vielleicht überhaupt nicht so wahrgenommen. Natürlich muss niemand endlose Diskussionen führen. Man darf Kontakte beenden und man darf entscheiden, mit wem man seine Zeit verbringen möchte. Aber ein ehrlicher Satz ist häufig respektvoller als wochenlanges Schweigen. „Für mich passt dieser Kontakt nicht mehr“ ist vielleicht unangenehm, aber wenigstens weiß der andere, woran er ist.
Nicht jede Kritik ist ein Angriff
Ein weiteres Problem im Miteinander ist, dass Kritik sehr schnell persönlich genommen wird. Wenn jemand sagt, dass ihm eine Entscheidung nicht gefällt, bedeutet das nicht automatisch, dass er den Menschen dahinter nicht mag. Wenn jemand eine andere Meinung vertritt, ist das keine Kriegserklärung. Unterschiedliche Sichtweisen gehören eigentlich zu einer Gemeinschaft dazu. Wenn am Ende alle nur noch zustimmen dürfen, weil jede andere Meinung als Angriff gewertet wird, haben wir kein echtes Miteinander mehr.
Natürlich kommt es immer darauf an, wie Kritik geäußert wird. Respektlosigkeit bleibt Respektlosigkeit. Aber auch unbequeme Fragen dürfen gestellt werden. Manchmal ist genau der Mensch, der einem widerspricht, wesentlich ehrlicher als zehn andere, die einem nach dem Mund reden und hinterher ganz anders sprechen.
Hinter dem Bildschirm sitzen Menschen
Gerade online vergisst man das erstaunlich schnell. Profile lassen sich blockieren. Avatare lassen sich bannen. Namen verschwinden aus Listen. Dadurch wirkt alles ein bisschen unpersönlicher. Aber hinter jedem dieser Namen sitzt jemand mit Gefühlen, Erfahrungen und einer eigenen Geschichte. Das bedeutet nicht, dass man alles hinnehmen muss. Es bedeutet nur, dass Respekt nicht an der Tastatur enden sollte.
Man kann sich trennen, ohne sich gegenseitig schlechtzumachen. Man kann unterschiedlicher Meinung sein, ohne den anderen zum Feind zu erklären. Man kann eine Freundschaft beenden, ohne danach eine Kampagne gegen die Person zu starten. Und man kann sagen: „Das funktioniert zwischen uns nicht“, ohne zehn weitere Menschen davon überzeugen zu müssen, dass die andere Person grundsätzlich schlecht ist.
Vielleicht sollten wir wieder mehr miteinander reden
Viele Konflikte würden vermutlich deutlich kleiner bleiben, wenn Menschen miteinander reden würden, bevor sie übereinander reden. Ein einfaches „Wie hast du das gemeint?“ könnte manchmal eine ganze Lawine verhindern. Ein „Ich habe mich darüber geärgert“ ist ehrlicher als tagelanges Schweigen. Und ein „Vielleicht habe ich das falsch verstanden“ verlangt zwar ein bisschen Selbstreflexion, ist aber noch lange keine Schwäche.
Miteinander bedeutet für mich nicht, dass immer alle einer Meinung sein müssen. Es bedeutet auch nicht, dass jeder mit jedem befreundet sein muss. Miteinander bedeutet, Menschen fair zu behandeln, auch wenn man sie gerade nicht besonders leiden kann. Es bedeutet zuzuhören, bevor man urteilt. Nachzufragen, bevor man interpretiert. Und vielleicht auch einmal zu akzeptieren, dass die Wahrheit nicht automatisch genau dort liegt, wo sie für einen selbst am bequemsten ist.
Am Ende wäre vieles leichter, wenn wir nicht ständig Angst hätten, jemand könnte uns etwas wegnehmen. Wenn wir nicht jede andere Meinung als Gefahr sehen würden und wenn wir nicht aus jedem Missverständnis gleich eine Front machen müssten. Ein bisschen weniger Ghosting, ein bisschen weniger Blockieren aus Trotz, ein bisschen weniger vorschnelles Bannen und dafür ein bisschen mehr miteinander reden würde manchmal schon reichen.
Denn Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, dass nur noch die Menschen übrig bleiben, die einem zustimmen. Gemeinschaft zeigt sich vor allem darin, wie wir miteinander umgehen, wenn wir es einmal nicht tun.
